Puppentheater: Das Münchner Marionettentheater

1858 eröffnete der Versicherungsangestellte Josef Leonhard Schmid (1822–1912) sein Marionettentheater. Als Autor hatte er den Komponisten, Zeichner und Schriftsteller Franz Graf Pocci (1807–1876) gewinnen können. Bis zu seinem Tode schrieb Pocci über 50 Kasperlkomödien für Schmid. Die zwischen 1859 und 1877 als „Lustiges Komödienbüchlein“ edierten sechs Bände der Marionettenspiele von Pocci enthalten Stücke, die der Lustigen Figur einen ironisch-phantastischen und bei aller zeitgebundenen Perspektive universal-humanen Charakter verleihen. Sie zählen heute zum klassischen Repertoire der Puppenspielliteratur. Schmids Bühne erfüllte mit diesem für bürgerliche Schichten rezipierbaren Stückvorrat im frühen 20. Jahrhundert eine Katalysatorfunktion für die nachfolgende Generation von Puppenspielern (Hermann Scherrer, Georg Pacher, Anton Aicher, Hilmar Binter) die dessen Spielkonventionen zwischen 1903 und 1914 zunächst übernahmen, indem sie auf einer soliden literarischen Überlieferung aufbauen und bühnentechnisch-handwerkliche Erfahrungen mit dem Medium Marionette in München sammeln konnten. Aber erst mit Paul Branns 1906 gegründetem „Marionettentheater Münchner Künstler“, Ivo Puhonnys 1911 eröffnetem „Baden-Badener Künstler-Marionettentheater“, der 1914 entstandenen Marionettenbühne der Geschwister Janssen in Solln bei München, dem Schweizerischen Marionettentheater von 1918 und Richard Teschners nach langer Vorbereitungszeit 1920 in Wien bekannt gewordenem „Goldenen Schrein“ fanden ästhetische Entwürfe Eingang in die Praxis des Puppenspiels, die sich einer jenseits des Mediums entstandenen Perspektive auf das Puppentheater verdankten.


Für sein Theater übernahm Schmid den Figurenfundus und Dekorationen des Heimtheaters von Carl Wilhelm Freiherr von Heideck. Das Theater erlebte zahlreiche Standortwechsel, was seiner ständig steigenden Popularität keinen Abbruch tat, bis es am Maffeianger eine hölzerne Baracke beziehen konnte. Im Jahr 1900 ließ der Stadtrat das bis heute bespielte Gebäude an der Blumenstraße errichten. Nach Schmids Tod führten seine Tochter Babette Klinger-Schmid (1859–1930) und deren Erbe, der langjährige Mitarbeiter Schmids Karl Winkler (1884–1949) das Theater bis 1933 weiter. 1933 übergab der Stadtrat das Theater an Hilmar Binter, ohne sich um die Zukunft des Schmidschen Fundus zu kümmern. Lange Jahre verwahrte ihn das Münchner Stadtmuseum als Leihgabe. Karl Winklers Tochter Erika (1930–2015) vermachte ihn 2015 der Sammlung Puppentheater / Schaustellerei.

 

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