Schaustellerei: Friedländer-Plakate

In den 1870er Jahren kam auch in Deutschland die Technik des Vierfarb-Drucks in großem Umfang zur Anwendung. Die 1872 in Hamburg gegründete Druckerei von Adolph Friedländer (1851–1904) spezialisierte sich auf Aufträge von Zirkusunternehmer*innen, Schausteller*innen, Artist*innen und Varietékünstler*innen und wurde aufgrund einer leistungsfähigen Steindruck-Schnellpresse zu einem begehrten Lieferanten für Auftraggeber aus Europa, dem Mittleren und Fernen Osten sowie den USA. Die Entwürfe zu den Plakaten entstanden durch von Friedländer beschäftigte Zeichner, die nach von den Auftraggeber*innen eingereichten Fotografien, Porträts oder alten Programmzetteln die jeweiligen Schaustellungen in belebte Bildszenen umsetzten und eine passende Typografie auswählten. Die Druckerei erreichte Auflagen bis zu 3.000 Stück je Motiv. Wegen der hohen Qualität von künstlerischer und technischer Umsetzung wurde die Firma zu einem führenden Unternehmen dieser Werbebranche. Bis zu der von den nationalsozialistischen Machthabern 1935 erzwungenen Schließung der in jüdischem Besitz befindlichen Firma wurden rund 9.000 Entwürfe in Plakate umgesetzt.

Die Sammlung Puppentheater / Schaustellerei des Münchner Stadtmuseums besitzt über 400 Plakate dieses Herstellers, dessen Produkte durch das blattförmige Signet am unteren Bildrand zu erkennen sind.

Die Motive der Plakate spiegeln die Welt der populären Unterhaltungsformen zwischen dem ausgehenden 19. Jahrhundert und den 1930er Jahren wider. Zu diesen Schaustellungen gehörten auch heute sehr kritisch gesehene Präsentationen des "Fremden", die auf die durch Kolonialismus und Imperialismus gesteigerte Lust am Exotischen reagierten. In den sogenannten "Völkerschauen" wurden Gruppen von Personen aus den europäischen Kolonien unter dem Deckmantel eines "ethnologischen" Interesses "ausgestellt", um ihre scheinbare Lebensweisen in Zoologischen Gärten, im Zirkus, auf Jahrmärkten, Kolonial- und Weltausstellungen sowie Volksfesten zu präsentieren. Zu den genannten Attraktionen gehörten auch die "Abnormitätenschauen" oder "Freakshows", die körperliche Abweichungen von der Norm als das "Andere" oder "Fremde" in Szene setzten. Solche Zurschaustellungen waren auch auf dem Münchner Oktoberfest beliebt.

In der heutigen Museumsarbeit sind solche Sammlungsgegenstände, die Herrschaftsgeschichte des "weißen" Europas und dessen zeitgeschichtliche Perspektive auf den afrikanischen, asiatischen und amerikanischen Kontinent widerspiegeln, Objekte kritischer Reflexion im Sinne der Postkolonialismus-Debatte. Die in diesem Album zu sehenden Objekte beinhalten stereotypisierende und diffamierende Darstellungen und Titel. Wir behalten die Originaltitel aufgrund der historischen Relevanz aber bei und möchten dadurch die Erforschung des Bestandes sowie den kritischen Umgang damit ermöglichen.

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