Konvolute der Sammlung Fotografie: Helmut Lederer
Helmut Lederer wurde 1919 im böhmischen Eger (heute Cheb, Tschechien) geboren und beschäftigte sich bereits in seiner Jugend autodidaktisch mit Fotografie. 1934 veröffentlichte er erstmals eine Aufnahme in der Zeitschrift Die Mußestunde. Nach kurzer Tätigkeit als Filmfotograf und Assistent des Regisseurs Robert Land in Prag, studierte er von 1939 bis 1945 Bildhauerei an der Wiener Akademie der bildenden Künste. Während dieser Zeit unternahm er erste ausgedehnte Studienreisen nach Italien. 1947 ließ er sich in Erlangen nieder und arbeitete dort bis zu seinem Tod als Bildhauer, Fotograf, Zeichner und Grafiker.
Lederer beschäftigte sich in seinem fotografischen Werk maßgeblich mit den Themen Gesicht und Körper, Reisen, Stadt und Landschaft und intensiv mit den Möglichkeiten fotografischer Abstraktion. Mit der Beteiligung an den für die künstlerische Fotografie der Nachkriegszeit zentralen Ausstellungen subjektive fotografie, Staatliche Schule für Kunst und Handwerk, Saarbrücken, 1951 und andernorts; subjektive fotografie 2, Photokina, Köln 1953 und andernorts und subjektive fotografie 3, Photokina, Köln 1958 und andernorts, erhielten Lederers künstlerische Fotografien erstmals internationale Beachtung, wurden mehrfach prämiert und veröffentlicht.
Die 1960er Jahre stellten für Helmut Lederer die fotografisch produktivste Phase dar. Er veröffentlichte seine Fotografien in umfangreichen Bildbänden, wie zum Beispiel in dem im Eigenverlag erschienenen Buch Lichtnovellen (1969). In drei großen Bildserien stellte er dort thesenhaft seinen fotografischen Weg vor, der ihn zur radikalen Abstraktion des Gegenstandes durch die Fotografie führte.
Auf seinen Italien-Reisen gemeinsam mit dem Maler Friedrich Herlt oder dem Architekten und Informel-Sammler Werner Schäfer entstand der erste Kontakt zu dem Bildhauer Marino Marini. Beide pflegten eine langjährige Freundschaft, die zu einer umfassenden Bilddokumentation des italienischen Künstlers und seines Werkes führte. Zeitgleich entstanden fotografische Auftragsarbeiten für die regionale Wirtschaft und Industrie, wie zum Beispiel für die Siemens-Schuckert AG und die Baumwollspinnereien Erba, die Lederers Bildkonzeptionen für die Weiterverarbeitung in werbenden Publikationen zeigten. Neben der Firmenpublikation für die Siemens-Schuckert AG und den beiden im Hatje-Verlag, Stuttgart erschienenen Fotobildbänden Marino Marini (1960) und Henri Laurens (1970), veröffentlichte Helmut Lederer 1968 im Eigenverlag Mexiko, ein ausführlicher Bildband, der insbesondere den Kontrast von Stadt und Land, Monument und Alltag thematisierte.
In den letzten Jahren seiner fotografischen Tätigkeit kehrte Helmut Lederer zu einer dokumentierenden Bildsprache zurück. Vor seine Linse traten nun die Architektur der fränkischen Fachwerkhäuser, die vergessenen Friedhöfe und die für seine Heimat Erlangen typischen Kirschgärten. In großformatigen Aufnahmen wurden diese Relikte regionaler Kultur und Lebensform zum einen gesammelt und bewahrt und zum anderen ihr drohender Verlust ins kollektive Bewusstsein gerückt.
Seine fotografische Arbeit schloss Lederer 1980/81 mit einer Auftragsarbeit über Erlangens Partnerstadt Eskilstuna (Schweden) ab und widmete sich fortan ganz der Bildhauerei, der Zeichnung und der grafischen Gestaltung.
Fotohistorische Einordnung des Künstlers
Helmut Lederer ist ein bedeutender Vertreter der von Otto Steinert gegründeten Bewegung subjektive fotografie, die in den 1950er Jahren die künstlerisch-experimentelle Ausdruckskraft der Fotografie in den Vordergrund stellte, indem sie Techniken wie Fotomontage, Mehrfachbelichtung und Unschärfe einsetzte. Lederers Beitrag im Kontext dieser Bewegung fand lange Zeit zu wenig Beachtung. Es darf dabei jedoch nicht vergessen werden, dass die Bildhauerei und das Zeichnen stets künstlerische Priorität für ihn hatten. Sein fotografisches Werk stand immer in enger Wechselbeziehung zu den Bildenden Künsten. Die Fotografie wurde zur gestalterischen Grundlage, durch die er seine Bildsprache formen konnte und als Anregung mit in sein Bildschaffen zu integrieren vermochte. Lederers Fixpunkt war von Anfang an das Zusammenspiel von fotografischer Technik und Bildgegenstand. Er suchte den Kontrast von Schwarz-Weiß, die Struktur und die Form, die Perspektive und den Ausschnitt sowie die Bildschärfe und -unschärfe in seinen Fotografien einzuarbeiten. Dabei war gerade dieses Herantasten an den Gegenstand – zunächst durch die Linse – für seine Bildhauerarbeiten von immanenter Wichtigkeit.
Angaben zum Konvolut
2001 wurde der fotografische Nachlass von Helmut Lederer dem Münchner Stadtmuseum als Schenkung übergeben. Er umfasst etwa 3000 Ausstellungsabzüge, ca. 2000 Kontaktabzüge und das Schwarzweiß-Negativarchiv aus der Zeit zwischen 1940 und 1981. Bei der Übernahme befand sich das Archiv in einem konservatorisch sehr schlechten Zustand. Ein großer Teil der Abzüge war von einem Wasserschaden im Atelier Helmut Lederers beschädigt worden. Zahlreiche Positive wurden im Zentrum für Bucherhaltung in Leipzig von Schimmelsporen befreit. Zum Teil deutlich beschädigtes Material konnte jedoch nicht mehr erhalten werden und wurde als Neuabzug nach erhaltenem Originalnegativ ergänzt.
Der Nachlass umfasst außerdem einige Buchentwürfe, darunter Buchdummies zu Italienreisen und Entwürfe für eine Firmenpublikation der Baumwollspinnerei Erba (1950er Jahre). Des Weiteren existieren einige unveröffentlichte Buchprojekte mit Layoutentwürfen, so zum Beispiel Manhattylon über Menschen und Straßen in New York (1960er) und eine nicht verlegte Auftragsarbeit für die documenta foundation, die Besucher auf der documenta III (1964) zeigt. Einen Teil dieser Serie veröffentlichte Helmut Lederer 1969 in Lichtnovellen.
Mit der Hebung und Zugänglichmachung des fotografischen Nachlasses von Helmut Lederer wurde ein fast gänzlich im Verborgenen entstandenes fotografisches Werk aufgedeckt, das sich über vier Jahrzehnte künstlerisch entwickelte und ausreifte, und dem eine wichtige Position in der internationalen Fotografiegeschichte der Nachkriegszeit zusteht.
Ausstellungsgeschichte des Bestands
Im Gedenken an den 85. Geburtstag von Helmut Lederer richtete das Münchner Stadtmuseum im Jahr 2004 die Retrospektive Helmut Lederer. Das fotografische Werk 1937–1981 mit knapp 200 seiner Arbeiten (Vintageprints und Neuabzüge) ein. Die Ausstellung stellte das fotografische Werk Lederers erstmals umfassend vor undwurde in der Folgezeit im Kunstmuseum Erlangen (2004) und Museum St. Ingbert (2005) gezeigt. 2006 zeigte der Deutsche Bundestag in Berlin im Rahmen der Ausstellung Marino Marini – Miracolo einige Fotografien aus dem Lederer-Archiv, die Werke Marinis interpretieren und den Künstler in seinem Atelier zeigen.