Konvolute der Sammlung Fotografie: Stefan Moses

Die Sammlung Fotografie stellt den größten Anteil aller Sammlungsobjekte des Münchner Stadtmuseums. Der Bestand von ca. drei Millionen Objekten reicht von den frühen Anfängen der Fotografie im 19. Jahrhundert bis in die digitale Gegenwart; neben Fotografien sind ganze Bildarchive und Spezialsammlungen sowie fotohistorisches Equipment und seltene Fachpublikationen Teil der Sammlung. Die wichtigsten Konvolute – Konvolute sind Gruppen von kunst- oder kulturhistorischen Objekten, die thematisch oder chronologisch zusammengehören – werden hier mit vertiefenden Informationen und repräsentativer Objektauswahl vorgestellt.

Mehr zur Sammlung Fotografie auf der Website des Münchner Stadtmuseums


Stefan Moses (* 29. August 1928 in Liegnitz, Niederschlesien (heute Polen); † 3. Februar 2018 in München)

Berufsbezogene Biografie
Stefan Moses zählt zu den bedeutendsten deutschen Fotografen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, dessen fotojournalistische Arbeiten mit seiner konzeptuellen Fotografie korrespondieren und sich zu einer sehr charakteristischen Bildsprache verbinden.

Stefan Moses musste aufgrund seiner jüdischen Großeltern 1943 die Schule verlassen und begann im selben Jahr eine Fotografenlehre bei der Kinderfotografin Grete Bodlée in Breslau. Im Frühjahr 1944 wurde er in den Zwangsarbeitslagern Ostlinde und Grünberg interniert, konnte aber im Februar 1945 fliehen.
Von 1946 bis 1949 war er als Bühnenfotograf am Nationaltheater in Weimar tätig. 1950 übersiedelte Moses nach München. 1956 heiratete er die Malerin Magda Junker, 1959 wurde sein Sohn Manuel geboren, dessen Aufwachsen in München und Oberbayern er über einen längeren Zeitraum fotografisch begleitete. Aus diesen Aufnahmen entstand 1967 das Buch "Manuel". Der Bildband avancierte schnell zum Kultbuch der 68er Elterngeneration, da Moses‘ unkonventionelle Bildsprache ihrer Vorstellung von freiheitlicher Erziehung und einer offenen Gesellschaft Ausdruck verlieh.
Bis 1960 arbeitete Stefan Moses als Bildjournalist für verschiedene Zeitungen und Magazine wie Das Schönste, Revue, magnum, von 1960 bis 1968 war er beimStern tätig, danach machte er sich als Fotograf selbständig und lebte mit seiner dritten Frau, der Textilkünstlerin Else Bechteler-Moses, in München.
Ab dieser Zeit widmete er sich fast ausnahmslos dem Porträtieren der Menschen in beiden deutschen Staaten. Dieses beherrschende Thema "Deutschland und die Deutschen" spiegelt sich in zahlreichen Ausstellungen und Buchprojekten wider.
Für sein Lebenswerk erhielt Stefan Moses 1990 die David-Octavius-Hill-Medaille und 1991 den Kulturellen Ehrenpreis der Landeshauptstadt München. 2001 erhielt Moses den Ehrenpreis der Stankowski-Stiftung und 2004 das Bundesverdienstkreuz.
Seit 1994 war er außerdem Mitglied der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, deren andere Mitglieder er in diesem Kontext auch porträtierte.
2011 schenkte Moses dem Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München seine rund 650 Bände umfassende Bibliothek. Sein schriftlicher Nachlass befindet sich im Deutschen Kunstarchiv des Germanischen Nationalmuseums in Nürnberg.

Fotohistorische Einordnung
Stefan Moses war einer der wichtigsten Chronisten deutscher Nachkriegszeit. Er hatte nicht nur einen unbestechlichen Blick auf die Wesenszüge und Befindlichkeiten seiner Landsleute, sondern auch auf die unterschiedlichsten gesellschaftlichen und sozialen Phänomene im Land. Nach dem Mauerfall reiste er in die ehemalige DDR, porträtierte dort Fabrikarbeiter, Fischverkäuferinnen, Monteure, Polizisten, aber auch Künstlerinnen, Pfarrer und Schriftsteller vor einem zerknitterten grauen Filztuch.
Große Bekanntheit erlangte Moses vor allem durch seine Porträtserien prominenter deutscher Geistesgrößen, für die er verschiedene Bildkonzepte entwarf. Für "Die großen Alten" wählte er den "deutschen" Wald als Schauplatz. Seit den sechziger Jahren entstanden an diesen mythenreichen, magischen Orten einzigartige Bildnisse von deutschen Geistesmenschen: von Politiker*innen, Schriftsteller*innen und Künstler*innen. Für "Künstler machen Masken" bat der Fotograf seine Protagonist*innen, sich spontan aus den im unmittelbaren Umfeld vorhandenen Materialien eine Maske zu entwickeln. Aus dieser Aufforderung entstand ein fotografisches Spiel der Verhüllung, Verdopplung und Isolierung. Für seine Serie "Spiegelbilder" porträtierten sich die Prominenten vor einem von Moses mitgebrachten Schneiderspiegel mit einem Kabelauslöser selbst. Moses blieb dabei als ideengebender Regisseur im Hintergrund.
Zu den von Moses im Laufe der Zeit Abgelichteten gehörten unzählige bekannte Persönlichkeiten wie Theodor W. Adorno, Ingeborg Bachmann, Hilde Domin, Tilla Durieux, Thomas Mann, Heinrich Böll, Günter Grass, Martin Walser und Botho Strauß. "Fotografieren ist Erinnerungsarbeit", sagte Moses einmal über seine Arbeit. "Meine ist, Menschen festzuhalten, bevor sie verloren gehen."

Angaben zum Konvolut
Das Münchner Stadtmuseum erwarb 1995 wesentliche Teile des Fotoarchivs von Stefan Moses mit 20.000 Originalabzügen und 450.000 Negativen und Kleinbilddias aus
den Jahren 1947 bis 1994, die alle wesentlichen Arbeitsgebiete und Themen umfassen. Im Jahr 2021 wurde dann der restliche Nachlass erworben. Dieses Konvolut umfasst cirka 3.000 Abzüge, darunter 120 großformatige Prints auf Baryt-Papier. Dabei handelt es sich vorwiegend um Aufnahmen aus der Kulturszene bzw. von prominenten Kulturschaffenden, die auf Besuch in München waren und gelegentlich in mehreren Porträtsitzungen fotografiert worden sind. Die Schriftsteller Hans Magnus Enzensberger und Ernst Jünger, der Verleger Michael Krüger, die Künstlerin Maria Lassnig oder der Schauspieler Bruno Ganz und der Komponist Rolf Liebermann zählen zu den bekanntesten Porträtierten. Eine weitere Bildserie zeigt sämtliche Mitglieder des Ensembles der Münchner Kammerspiele, die von Moses im Auftrag des Theaters fotografiert worden sind.

Ausstellungsgeschichte des Bestands
Ende 2002 veranstaltete das Münchner Stadtmuseum eine umfangreiche Retrospektive von Stefan Moses‘ Werk. Begleitend dazu erschien der Bildband "Die Monographie. Photographien von 1947 bis heute". Zwischen 2003 und 2009 tourte eine große Ausstellung seiner Werke durch zahlreiche europäische Städte.

 

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