Konvolute der Sammlung Fotografie: Norbert Przybilla

Die Sammlung Fotografie stellt den größten Anteil aller Sammlungsobjekte des Münchner Stadtmuseums. Der Bestand von ca. drei Millionen Objekten reicht von den frühen Anfängen der Fotografie im 19. Jahrhundert bis in die digitale Gegenwart; neben Fotografien sind ganze Bildarchive und Spezialsammlungen sowie fotohistorisches Equipment und seltene Fachpublikationen Teil der Sammlung. Die wichtigsten Konvolute – Konvolute sind Gruppen von kunst- oder kulturhistorischen Objekten, die thematisch oder chronologisch zusammengehören – werden hier mit vertiefenden Informationen und repräsentativer Objektauswahl vorgestellt.

Mehr zur Sammlung Fotografie auf der Website des Münchner Stadtmuseums

Norbert Przybilla (* 17. Mai 1953 in Vilsbiburg; † 21. August 1996 in Berlin)
Norbert Przybilla war in den 1980er bis 1990er Jahren als freischaffender Fotograf und Video-Künstler sowie als Werbe- und Porträtfotograf in Bayern und Berlin tätig.

Berufsbezogene Biografie
1972 schlug er zunächst eine Lehrerkarriere ein, erhielt aber aufgrund seines marxistisch orientierten Aktivismus Berufsverbot für den öffentlichen Dienst. Ein anschließender Aufenthalt in den USA und der dortige Kontakt mit der Musik- und Kunstszene führten Przybilla zum Entschluss Fotografie an der Bayerischen Staatslehranstalt für Photographie zu studieren, wo er von 1980 bis 1982 Schüler war.

1984 stellte er seine noch zu Fotoschülerzeiten begonnene erste freie Arbeit Zwischenbilder – Materie in Bewegung in München aus. Für diese abstrahierten Straßenszenen flanierte er auf belebten Münchner Plätzen, hielt dabei seine Großformatkamera in der Hand und löste ohne Bildkontrolle mit langer Belichtungszeit aus. Die bewusst unscharfen Fotografien sind in privaten Galerien und Kunstvereinen in Bayern sowie in der Schweiz und Ungarn präsentiert worden.

Seine Homosexualität, die er im katholischen Elternhaus lang verheimlicht hatte, in seinen Studienarbeiten sporadisch anklingen ließ, thematisierte er 1985 mit einer Porträt- und Akt-Serie, die er selbstbewusst Schwule Männer nannte. Dabei lud er Freunde und Barbekanntschaften in sein Münchner Fotostudio ein, um sie "zu zeigen, wie sie sind", ohne in Posen oder Requisiten eingreifen zu wollen. Arbeiten dieser Serie waren hauptsächlich in Räumen queerer Communitys in Bayern zu sehen und wurden in Zeitschriften wie Südwind und Rosa Flieder oder im Stadtführer München von hinten publiziert.

Sein Fotostudio nutzte Przybilla auch für Werbe- und Porträtaufträge, allerdings mit wenig kommerziellem Erfolg, da seine künstlerischen Ansprüche häufig den Wünschen der Auftraggeber widersprochen hatten. 1983 folgt mit Wir wollen leben ein erstes Video, das die Protestaktion "Menschenkette" zwischen Neu-Ulm und Stuttgart dokumentierte. Ende der 1980er Jahre intensivierte er seine Video-Arbeiten, die Fotografie trat in den Hintergrund. Inspiriert aus den USA verknüpfte Przybilla in seinen experimentellen Videos nun Bewegtbild mit Musik und führte diese Arbeiten in Galerien im bayerischen Raum vor.

Anfang der 1990er Jahre siedelte er nach Berlin über. Seine künstlerische Tätigkeit nahm aufgrund körperlicher und psychischer Erkrankungen ab, viele Projektideen blieben unvollendet. Mit 43 Jahren starb Norbert Przybilla 1996 an Lungenkrebs in Berlin.

Fotohistorische Einordnung des Künstlers
Während Norbert Przybillas Arbeiten aus der Serie Zwischenbilder – Materie in Bewegung eine breitere Öffentlichkeit erreichten und auch im Ausland zu sehen waren, ist sein zweites Hauptprojekt Schwule Männer nur von einem kleineren Kreis wahrgenommen worden. Mit diesen Porträts und Aktbildern präsentierte er einen selbstbewussten Umgang mit Homosexualität in der Fotografie, der in den 1980er Jahren gerade erst sichtbarer wurde. Przybillas ausgesprochene Faszination für Robert Mapplethorpe (1946–1989), der in den USA bereits zu einer queeren Ikone der Kunst geworden war, war diese Thematik in Deutschland zu dieser Zeit noch ein junges Phänomen. Przybillas Porträts, die dem spontanen und persönlichen Ausdruck Raum geben, sind dabei aber weniger an Mapplethorpes überhöhendem Formalismus, als an der Empathie eines Peter Hujars (1934–1987) oder Herbert Tobias (1924–1982) interessiert. Przybillas Schwule Männer zeigen queere Emanzipation in kraftvollen Posen, genauso wie Unsicherheit und Zaghaftigkeit der Dargestellten, die bewusst keine professionellen Models waren, auf je individuelle Weise. Dies liefert eine frühe, bemerkenswerte Perspektive auf queere Communitys im bayerischen Kontext, die die Sammlung Fotografie im Münchner Stadtmuseum ansonsten kaum abbildet.

In der Gesamtschau seines Schaffens zeigt sich eine selbstreflektierte Auseinandersetzung mit Diskursen der Fotografie seiner Zeit. Zentrale Motive seiner Arbeiten sind Bewegung und Geschwindigkeit. Diese lassen sich an seinen Medienanalysen in Studienarbeiten erkennen, genauso wie an den Unschärfen der Zwischenbilder – Materie in Bewegung, den flüchtigen Porträts in Schwule Männer sowie an den zuweilen rauschhaften Wahrnehmungsexperimenten der Videoarbeiten.

Angaben zum Konvolut
Der Nachlass von Norbert Przybilla wurde 1999 als Schenkung übergeben und beinhaltet künstlerisches sowie privates Material. Der umfangreichste Teil besteht aus Schülerarbeiten sowie Werken aus Przybillas umfangreichen Fotoserien Zwischenbilder – Materie in Bewegung und Schwule Männer. Darüber hinaus sind Einzelwerke, Arbeiten seiner angewandten Fotografie sowie Ephemera und Korrespondenzen verzeichnet. Diese lassen Entstehungskontexte seiner Arbeiten und Konzepte für angedachte Projekte nachvollziehen. Neben Video-Kassetten mit künstlerischen Arbeiten, Reportagen und Dokumentationsmaterial sind sämtliche Negative von den späten 1970ern bis in die 1990er Jahre erhalten.

Die meisten Arbeiten sind auf Gelatineentwicklungspapier ausgeführt. Allerdings produzierte Przybilla auch – vor allem im Bereich seines angewandten Werks – Farbfotografien sowie einige Cibachrome. Die Serien Zwischenbilder – Materie in Bewegung und Schwule Männer liegen in verschiedenen Größenvariationen vor, einige von ihnen im originalen Rahmen oder in signierten Passepartouts. Mit Abzügen bis zu 120 x 170 cm sind diese für ihre Zeit vergleichsweise groß ausgeführt.

Ausstellungsgeschichte des Bestands
Im Jahr 2000 wurde Przybillas Nachlass erstmalig in exemplarischen Auszügen in der Ausstellung Norbert Przybilla. Fotografien 1982–86 gezeigt. Begleitend erschien der gleichnamige Ausstellungskatalog. Parallel zu dieser bisher einzigen monografischen Präsentation, war eine Schülerarbeit Przybillas auch Teil der Ausstellung Lehrjahre – Lichtjahre. Die Münchner Fotoschule 1900–2000, die eine Schulchronik anhand ihrer Absolvent*innen darstellte. Eine Aktdarstellung aus der Serie Schwule Männer war in Nude Visions. 150 Jahre Körperbilder in der Fotografie im Jahr 2009 zu sehen. Teil der Ausstellung Franz Josef Strauß – Die Macht der Bilder von 2015 war eine Fotocollage Przybillas, die schon zu Studienzeiten entstanden war und die Politik des ehemaligen bayerischen Ministerpräsidenten karikiert. 2023 repräsentierte eine Fotografie aus der Serie Schwule Männer queeres Leben in München in der Ausstellung (K)ein Puppenheim. Alte Rollenspiele und neue Menschenbilder.

Eine intensive Auseinandersetzung mit Norbert Przybillas Werk lässt sich auf der Forschungsseite Reframing the Collection der Sammlung Fotografie nachlesen.

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