Titel / Kurzbeschreibung
Münchner Dachdecker
Datierung
1859
Objektart
Gemälde
Material
Öl auf Leinwand
Maße
71 cm x 105 cm
Signatur / Beschriftung
bez. r. u.: JH [lig.] Marr 59
Ausgestellt
ja
Sammlung
Graphik / Gemälde
Inventarnummer
GM-58/757
Provenienz
Ankauf Alfred Spaeth, New York
Zugang
Altbestand
Werktext
Das Gemälde von Joseph Heinrich Marr (1807-1871) versetzt den Betrachter auf die Dächer der Hackenviertels mitten in der Münchner Altstadt. Vom markanten Petersturm als Orientierung spannt sich der Ausblick bis in die „rechts der Isar“ gelegenen Armenviertel hinüber. Aus der Vorstadt Au ragt der Neubau der 1839 eingeweihten Mariahilfkirche hervor, die vorbildlich für die neugotische Kirchenarchitektur in ganz Süddeutschland wurde. Das aus dieser Perspektive ungewöhnliche Panorama bildet den Hintergrund für ein noch ungewöhnlicheres Motiv: Drei Dachdecker lagern auf einem First und rauchen Pfeife. Sie gehören zu den vielen Handwerkern und Bauarbeitern, die für den Ausbau Münchens zur Hauptstadt des Königreichs Bayern herangezogen wurden.
Zur Mitte des 19. Jahrhunderts lebten bereits über 90.000 Menschen in München. Die Einwohnerzahl hatte sich seit der Erhebung zur königlichen Residenzstadt im Jahr 1806 mehr als verdoppelt. Allein in den 23 Jahren der Regierungszeit König Ludwigs I. von Bayern wurden 1.336 Neubauten in München errichtet. Die Zahl ist missverständlich. Denn in den neuen Siedlungsgebieten wie etwa der Maxvorstadt waren vor allem repräsentative Villen entstanden, deren Bezug für den Großteil der Bevölkerung unerschwinglich war. In einem 1827 erschienenen Stadtführer heißt es sarkastisch: „Finden sich für alle diese Häuser auch Käufer und Miether, so ist München wirklich eine der wohlhabendsten und mit den vermöglichsten Familien bevölkerten Städte von Deutschland“.
Im Jahr 1834 standen rund 1.400 Wohnungen leer in München. Das Überangebot in der mittleren und oberen Preisklasse führte zum sogenannten „Häuserbankrott“ und zum vollständigen Zusammenbruch des Wohnungsmarkts. Die Kommune geriet durch diese Fehlplanung in eine prekäre Situation, denn sie hatte die Hauptlast bei der Finanzierung der königlichen Repräsentationsbauten zu tragen. Als sich beim Bau der aus Sicht der Gemeinde entbehrlichen Ludwigskirche 1829 leiser Widerstand regte, antwortete König Ludwig I. mit der Androhung massiver Sanktionen: „So, die wollen nicht. Ich will doch sehen, ob sie das Geld herschaffen werden. Mich kostet es nur einen Federstrich, so ist die Universität wieder von hier weg“. Bei anderer Gelegenheit drohte der König seinen Untertanen mit der Option, die Residenz aus München zu verlegen.

[Ausst.-Kat. Typisch München! Das Jubiläumsbuch des Münchner Stadtmuseums, hrsg. von Wolfgang Till und Thomas Weidner, München 2008, S. 140]
Creditline
Münchner Stadtmuseum, Sammlung Graphik / Gemälde
Zitiervorschlag / Permalink
Heinrich Marr, Münchner Dachdecker, 1859, GM-58/757
https://sammlungonline.muenchner-stadtmuseum.de/objekt/muenchner-dachdecker-10003281.html

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